Screenshot ZHdK E-Learning Video (2019)

Die Veränderung des E-Learnings

Ein Rückblick auf sechs Jahre als Leiter E-Learning an der Zürcher Hochschule der Künste

In den letzten sechs Jahren hat die Wahrnehmung des Bereichs eine beachtliche Wandlung vollzogen. Vom Schattendasein entwickelte sich das Thema zu einem Phänomen, das uns durch Corona alle tagtäglich betrifft. In diesem Erfahrungsbericht zeige ich auf, wie ich diese Entwicklung als Leiter E-Learning an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) erlebt, sie im Rahmen meiner Anstellung mitgestaltet habe und welche Erkenntnisse ich daraus ziehe. Doch alles der Reihe nach.

Curious About E-Learning

Die ZHdK beabsichtigte 2014 den Bereich digitales Lehren und Lernen mit einer verantwortlichen Person fürs E-Learning aufzubauen. Kurz davor reichte ich meine Masterarbeit «Zur Relevanz des Kontextes für die MOOC Learner Experience» an der Universität der Künste UdK in Berlin ein. Motiviert durch diese theoretische Auseinandersetzung mit einem konkreten E-Learning Konzept und die Erfahrungen mit meiner Agentur Curious About bewarb ich mich auf diese Position. Während andere Institutionen eher auf Personal mit didaktischem und/oder technischem Hintergrund setzen, entschied sich die ZHdK für einen Prozess Designer und Projektentwickler mit Fokus auf Interaktion, Design und Vermittlung. Eine glückliche Entscheidung, die mir eine spannende Möglichkeit bot: So konnte ich zusammen mit meinem späteren Team diesen Bereich während sechs Jahren aufbauen, entwickeln und etablieren.

Aktivitäten des ZHdK E-Learning

Die Arbeit drehte sich um verschiedene Dienstleistungen, Werkzeuge und Formatentwicklungen, die wir initiierten und kommunikativ begleiteten: Aufbau eines E-Learning Ökosystems, Recherche & Dokumentation, Beratungsaktivitäten, explorative Projekte, Reflexions- und Vernetzungsformate.

Wir schufen die Plattform ELLA, die uns hilft, das E-Learning Ökosystem der ZHdK in Form einer Toolbox zu präsentieren und zu etablieren. Darauf finden Dozierende, Studierende und Mitarbeitende Werkzeuge, Projektbeispiele und Lehrszenarien. Gleichzeitig lancierten wir PAUL, die Plattform für Austausch und Lernen. PAUL ist Moodle, ein Learning Management System, und ermöglicht die digitale Begleitung des Präsenzunterrichts, das Durchführen von hybriden oder komplett digitalen Formaten mit internen und externen Teilnehmenden. Weitere Werkzeuge wie Zoom und Videokonferenzanlagen kommen hinzu.

ZHdK E-Learning Video (2019) — Illustrationen von Till Lauer , Video von der Wurf

Zur Recherche und Dokumentation der Arbeit sowie zur Inspiration rund um die Themen digitales Lehren und Lernen starteten wir den Blog Learning Design. Darauf befinden sich Informationen zu Entwicklungen aus den Themenfeldern, Angebote, Tipps, unser Newsletterarchiv und Alltägliches aus unserer Arbeit.

Ein Herzstück der Arbeit sind die Beratungen und Weiterbildungen, die wir Angehörigen der ZHdK sowie auch externen Interessierten anbieten. Das sind 1:1 Beratungen, aber auch Workshops, die sich um didaktische und technologische Themen drehen. Bei «Videos im Handumdrehen» lernen die Teilnehmenden das Smartphone als Werkzeug für Lernvideos kennen. Durch «Toolsafaris» können die verschiedenen technologischen Möglichkeiten und Werkzeuge erfahren werden. Bei «Improvisation im Videoconferencing» geht es um Gelassenheit und Spontanität im Umgang mit Videokonferenzen. Bei einer gemeinsamen Simulation von Videoconference Bombings werden destruktive Mechanismen erkundet und Reaktionen darauf erprobt. Das sind Beispiele aus einer Palette an Angeboten.

In eigenen Projekten wurden die Erfahrungen direkt übersetzt und neue Themen exploriert, um Erkenntnisse zu gewinnen. Wie beispielsweise durch den MOOC CCAA «Chinese Contemporary Art Award» (2016) oder die eigene Weiterbildung «Smart Setting» (2019), bei der es um Videoconferencing in kreativen Prozessen ging.

Reflexionsformate dienen dazu, Einblicke in die Arbeit anderer zu ermöglichen und Erfahrungen auszutauschen. So werden bei «Digital Teaching Style» Projekte und Methoden gezeigt. Während der Corona-Pandemie präsentieren Dozierende und Workshopgebende im Format «Digitale Lehre in der Praxis», wie sie digital unterrichten, welche Methoden zum Einsatz kommen, welche Schwierigkeiten bestehen und was besonders gut gelingt. Die Erkenntnisse fliessen in Lehrszenarien auf ELLA und E-Learning-Infoblätter ein.

Networking-Veranstaltungen wie beispielsweise «Exchanged» erweitern den Austausch und involvieren Angehörige anderer Kunsthochschulen.

Diese Arbeiten haben wir im E-Learning Team umgesetzt. Wie in allen Bereichen ist auch hier das Team der Schlüssel. Im E-Learning Team an der ZHdK kommen die Kompetenzen Interaction und Game Design, Konzeption, Kommunikation und visuelle Kommunikation sowie Didaktik und Technologie zusammen. Eine wichtige Eigenschaft aller Teammitglieder ist, dass sie offene Persönlichkeiten sind, die sich aufs Gegenüber einlassen können und sich als Personen für ein Thema sichtbar machen.

Sechs Erkenntnisse aus sechs Jahren Arbeit

In diesen sechs Jahren konnte ich viele Erfahrungen sammeln, Fehler machen, daraus lernen und gelungene Projekte umsetzen. Die nachfolgenden Punkte präsentieren sechs Erkenntnisse, die ich persönlich als wichtig empfinde.

Im Zentrum stehen Menschen und Bedürfnisse
Im Zentrum aller Aktivitäten steht immer ein Bedürfnis, ein Vorhaben und somit eine Person oder eine Gruppe, die etwas erreichen und für andere Personen machen möchte. Technologie bildet die Brücke dazwischen.

Mit einer Prise Gelassenheit und Charme Technologie nutzen
Gelassenheit ist eine der wichtigsten Kompetenzen im Umgang mit Technologie. Technologie kommuniziert immer mit und funktioniert gelegentlich nicht so, wie vom Nutzenden intendiert. Um solche Situationen zu meistern, hilft Lockerheit und ein offener Umgang damit — denn alle kennen diese Momente aus eigenen Erfahrungen.

Technologien niederschwellig zugänglich machen
Viele Menschen interessieren sich für die Möglichkeiten und Vereinfachungen, welche Technologien bieten, und weniger für die Technologie als solches. Die Hürde für die Nutzung soll möglichst gering sein. Dies ist möglich durch das User Experience Design der Werkzeuge. Ein nicht zu unterschätzender Teil spielt die Kommunikation. Da hilft eine unkomplizierte Sprache, Witz und ein Augenzwinkern, um der «technologischen Schwere» entgegenzutreten.

Was macht PAUL an der ZHdK? (2020) — Video von Walking Frames

So haben wir beispielsweise dem etwas knorrigen Moodle eine zugänglichere Oberfläche verpasst, es in PAUL umbenannt und mit einer illustrativen Figur verkörpert. In der Folge sprechen die Nutzenden von PAUL und nicht von einer technischen Plattform.

Wissen in kleinen Happen vermitteln
Den ersten Lockdown starteten wir kurzfristig mit einer unterrichtsfreien Woche und boten stattdessen eine E-Learning Startup Woche mit einem Weiterbildungsprogramm an. Dies war auch der Startschuss von kurzen Weiterbildungsformaten, die wir in der Folge angeboten haben. Die Workshops waren nur 45 bis maximal 90 Minuten lang und fanden online statt.
Diese kurzen Wissens-Happen finden grossen Anklang und sind in den Alltag besser integrierbar als Workshops, die mehrere Stunden dauern.

Digitalisierung auch mal entschleunigen
Digitalität optimiert Prozesse und bringt eine Geschwindigkeit mit sich. Der bewusste Umgang mit Zeit und auch das taktische Entschleunigen von solchen Prozessen kann helfen, dass Digitalität als spannende Möglichkeit verstanden wird und nicht unter Druck setzt.

Offener Umgang mit Erfahrungen
Zentral erscheint mir der offene Umgang mit der Erfahrung aller Involvierten — also das Teilen von Erkenntnissen, Misserfolgen und Inhalten. Wenn es der Datenschutz und die Haltung der Beteiligten erlaubt, werden die Inhalte öffentlich publiziert. Dies im Sinne einer lernenden Gemeinschaft und Positionierung des Angebots.

Rückblick & Ausblick

Die Pandemie hat die Relevanz von digital unterstütztem Lernen potenziert. Vor der Pandemie hat es mitunter sehr viel Zeit und Arbeit beansprucht, um Personen die Möglichkeiten und den sinnvollen Einsatz von digitalem Lehren aufzuzeigen. Corona verkürzte dies in der Anfangsphase auf ein paar Minuten. Das «E» aus E-Learning zu streichen, war von Beginn an die Vision unserer Arbeit. Der Einsatz digitaler Medien sollte nicht ein Zusatzangebot, sondern zu einem festen Bestandteil des Alltags werden. Dieses Ideal wurde gewissermassen durch Corona erfüllt.

Diese Entwicklung zu begleiten, war faszinierend. Viele Punkte aus meiner ursprünglichen Masterarbeit konnte ich während den sechs Jahren erproben. Ein nächster Schritt wäre nun ein stärkerer Fokus auf das Peer Learning, das ich damals in meiner Arbeit als ein Potenzial der Learning Experience eruiert habe. Dieses Feld scheint mir ein noch immer wichtiger und noch zu entwickelnder Bereich zu sein.

Weil ich innerhalb der ZHdK eine neue Stelle antreten kann, übergab ich die Position als Leiter E-Learning ab anfangs 2021 meiner Nachfolgerin, die zusammen mit dem ZHdK E-Learning Team den Bereich weiterentwickeln wird. Ich wünsche ihnen viel Erfolg und Spass.

Per April 2021 wechsle ich in den Digitalrat der ZHdK als Co-Leiter. Weiterhin werde ich für das Programm Digital Skills & Spaces an der ZHdK verantwortlich sein, bei dem es darum geht, die Kompetenzen für das digitale Zeitalter zu stärken und zu kultivieren und zeitgemässe Arbeitsräume dafür zu entwickeln. Damit die Angehörigen der ZHdK sich positionieren und den digitalen Arbeitsalltag gestalten können; selbstbestimmt, reflektiert und lustvoll. Selbstständige Arbeiten biete ich mit Curious About an.

Ich freue mich darauf!

Renato Soldenhoff arbeitet an der ZHdK als Co-Leiter Digitalrat und Programmleiter Digital Skills & Spaces. Eigene Projekte setzt er mit Curious About um.

Renato Soldenhoff arbeitet an der ZHdK als Co-Leiter Digitalrat und Programmleiter Digital Skills & Spaces. Eigene Projekte setzt er mit Curious About um.